Miteinander erfolgreich:
der Blog zu Kommunikation, Führung und Selbstführung.

Drei Fallen beim Lösen von Konflikten:
2. Wertung

Typische Konfliktstrategien und wie es anders geht (Teil 2 von 3)

Das stimmt nicht! Die macht das falsch. Der ist doch …! Zack, wir haben unser Urteil gefällt. Warum Wertung die Lösung von Konflikten blockiert, beschreiben wir im zweiten Beitrag zum KWN-Prinzip.

Als Paula nach der Arbeit nach Hause kommt, herrscht in der Küche großes Chaos. Julian hat seine Unterlagen auf dem Küchentisch verteilt, auch der Boden liegt voll. Paula ist müde. Sie hat Hunger. Und wenn schon gekocht werden muss, will sie ganz sicher nicht erst noch aufräumen. In ihr brodelt es. ‚Immer‘ muss er so unordentlich sein. ‚Nie‘ nimmt er Rücksicht. Julian ist einfach faul und unempathisch…

Julian, der Homeoffice macht, war eben ganz in sein Projekt vertieft. Er hört, wie sich die Küchentür öffnet, blickt hoch und sieht Paulas ärgerliches Gesicht. „Immer…“, setzt sie an. Julian macht dicht. ‚Ständig‘ dieses Gemecker. ‚Immer‘ ist sie genervt. Und ihre schlechte Laune muss sie ‚schon wieder‘ an ihm auslassen. Wortlos packt er seine Sachen und verschwindet aus der Küche. Paula ist einfach anstrengend und ständig unzufrieden…

Lässt sich leicht auch auf berufliche Situationen übertragen:

Die Kollegin braucht ‚immer ewig‘ für die Präsentation, der Kollege hat ‚schon wieder‘ die Mail viel später als gedacht verschickt, die Chefin verteilt die Aufgaben ‚immer‘ ungerecht, der Mitarbeiter hat den Kunden ‚mal wieder‘ nicht angerufen….

Wenn unser Gegenüber etwas tut, reagieren wir häufig mit einer inneren Wertung. „Der ist“ / „Die ist“ – wir werfen die Person und ihr Tun in einen Topf. Wenn sie etwas tut, das uns nicht gefällt, ist die Person faul / uneinsichtig / anstrengend / dumm….

Das hat (mindestens) zwei Konsequenzen:

  • Die andere Person fühlt sich (zu recht) bewertet und häufig eben: abgewertet. Sie bekommt das Gefühl vermittelt: „Du bist nicht genug, so wie du bist.“ Dies trifft uns. Also machen wir dicht. Oder werden sauer und geben zurück.
  • Wir selber befeuern in uns durch die Wertung den Ärger. Wir fühlen uns durch das, was die andere Person tut, angegriffen oder nicht genügend wahr-/ernstgenommen. Und interpretieren das Tun der anderen Person als etwas, das sie GEGEN uns tut. Und machen ebenfalls dicht. Oder werden in unserer Reaktion sehr heftig – an dieser Stelle oder an anderer oder einer anderen Person gegenüber.

Wohlwollen statt Werten!

Wenn wir (be)werten, kommen wir und die anderen also automatisch in den „Fight-Flight-Freeze“-Zustand, in dem wir nicht „groß“ und kreativ denken können, sondern einen Tunnelblick haben. Das ist grundsätzlich hinderlich, weil es die Möglichkeit, tragbare Lösungen zu finden, sehr einschränkt.

Wie geht es anders? Dafür ist die Grundhaltung entscheidend.
Sie lautet:

Ich gehe davon aus, dass die andere Person zu jeder Zeit das ihr Bestmögliche tut. Ich „unterstelle“ ihr also erst einmal eine positive Absicht (die sich nicht mit meiner decken muss) und überlege wohlwollend, wie die Situation aus ihrer Sicht sein könnte.

Diese Grundhaltung müssen wir zunächst gedanklich einüben, damit sie sich etabliert. Dabei helfen die folgenden drei Schritte.

  1. Ich trenne Person und Tun voneinander
    Da ist auf der einen Seite die PERSON, der ich als Partner:in, als Kolleg:in (allgemein: als Mensch) mein Wohlwollen und meine Verbundenheit entgegenbringe, und zwar UNABHÄNGIG und unerschütterbar davon, was sie tut. Gleichzeitig kann ich mit dem, was sie TUT oder SAGT, nicht einverstanden sein. Das eine hat mit dem anderen NICHTS zu tun.
  2. Ich beziehe das Tun der anderen Person nicht auf mich
    Was die andere Person tut, hat NICHTS mit mir zu tun. Sie tut es, weil es IHREM Bedürfnis entspricht bzw. aus einem Schmerz, einem Ärger heraus, den SIE hat.
  3. Ich frage nach
    Wenn ich davon ausgehe, dass die andere Person ihr Bestmögliches getan hat, möchte ich gerne verstehen, was ihre Gedanken, ihre Beweggründe dazu waren, und mache mir Gedanken dazu. Am besten frage ich nach. Und wer weiß: Vielleicht kann ich von der anderen Person sogar etwas lernen?!
    Siehe 3. Teil dieser Serie: Neugier statt Nörgeln.

Wenn das Miteinander im Team nicht rund läuft leiden Projekte, Fehler passieren, es gibt Unstimmigkeiten. Spätestens dann sollten Kommunikations- und Organisationsstrukturen überprüft werden - z.B. im Team Workshop „Besser kommunizieren, leichter arbeiten."

Heißt im vorliegenden Beispiel:

Paula geht davon aus, dass Julian das ihm Bestmögliche tut. Auch wenn das nicht dem entspricht, was ihr wichtig ist. Und sie nimmt es nicht als Affront gegen sich. Sondern überlegt, warum er in der Küche arbeitet, warum er auf diese Weise arbeitet… Wenn sie es nicht nachvollziehen kann, fragt sie (mit wohlwollender Grundhaltung) nach. So hat Julian die Möglichkeit, sein dahinterliegendes Bedürfnis zu erläutern. Z. B. so:

„Ich habe kein separates Arbeitszimmer. Wenn ich an einem Projekt arbeite, brauche ich viele Unterlagen gleichzeitig. Dafür ist nur in der Küche genügend Platz. Die Stunden, die ich alleine bin, möchte ich intensiv nutzen, um hinterher mit dir gemeinsam entspannt Zeit zu verbringen. Deswegen arbeite ich, bis du heimkommst – was ja zu unterschiedlichen Zeiten und meist nicht vorhersehbar ist. Deshalb liegt dann alles noch herum.“

Und jetzt fragt er bei ihr nach. Paula:

„Ich habe oft kurzfristig noch Termine und kann nicht genau festlegen, wann ich fertig bin. Wenn ich dann heimkomme, bin ich müde und hungrig. Und ich weiß, dass es sowieso noch dauert, bis wir was essen können, da wir ja erst kochen müssen, was ich in hungrigem Zustand nicht gerne mache. Und dann stresst mich das sehr, wenn erst noch aufgeräumt werden muss.“

Lösung: Paula ruft an, wenn sie sich auf den Heimweg macht. So hat Julian genügend Zeit, seine Sachen in sein Zimmer zu bringen. Und vielleicht beginnt er auch schon mit dem Kochen und Paula räumt dann (mit gefülltem Bauch) anschließend die Küche auf…

Tipp: Sorgsam mit Sprache umgehen!
Schon einzelne Wörter drücken eine Wertung aus: aber, immer, schon wieder, nie, sowieso…

Mehr dazu, wie man sorgsam mit Wörtern umgeht lesen Sie auch im Blog-Artikel "Gelingendes Konfliktmanagement als Erfolgsfaktor"

Und für berufliche Situationen:

„Die Kollegin braucht immer ewig für die Präsentation.“

  • Will sie es besonders gründlich machen?
  • Ist ihr etwas unklar?
  • Gibt es andere Projekte, die als noch dringender eingestuft werden?
  • Findet sie sie möglicherweise überflüssig?

Der Kollege hat schon wieder die Mail später als gedacht verschickt.

  • War ihm nicht bekannt, dass die Mail zu einer bestimmten Uhrzeit raus sollte?
  • Musste er noch auf Infos warten?
  • War er unsicher und brauchte für die Formulierung lange?
  • Vielleicht denkt er, die Kundin sei dann besser erreichbar?

Die Chefin verteilt die Aufgaben immer ungerecht.

  • Hat sie einen besseren Überblick über das, was die anderen zu tun haben?
  • Oder anders herum: Vielleicht eben auch nicht?
  • Sieht sie besondere Kompetenzen bei anderen / bei mir, so dass sie es thematisch zuordnet?

Dazu auch hilfreich: Anti-Konflikt-Tipp 4: "Bei sich selbst bleiben und vertrauen" im Blog-Artikel "Gelingendes Konfliktmanagement als Erfolgsfaktor"

Als Führungskraft geben wir „den Ton an“. Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Führungsstil, eigenen Wertevorstellungen und Kommunikationsmustern ist häufig der beste Einstieg um nachhaltige Verbesserungen in der Zusammenarbeit zu starten z.B. durch ein Coaching für Führungskräfte.

Fazit „Lösungen finden nach dem KWN-Prinzip“: Wertschätzung statt Wertung

  • Wenn wir bewerten, nehmen wir uns und anderen die Möglichkeit, daraus zu lernen. Denn dann sind alle Beteiligten im Tunnelblick (im Angriff, Totstellen oder der Verteidigung) – und daraus erwächst keine nachhaltige Lösung
  • Wenn wir eine wohlwollende Grundhaltung einnehmen, tut es zum einen uns selbst sehr gut! Wir müssen uns gar nicht ärgern und Energie verpulvern. Zum anderen bereitet es denn Weg für Weiterentwicklung und eine grundlegende Lösung. Wir verstehen, wo es „hakt“ – oder wir erkennen, dass die andere Vorgehensweise genauso gut oder vielleicht sogar besser ist als die, die wir im Kopf hatten. (Mehr dazu im 3. Teil: Neugier)

Konflikte lösen mit dem KWN-Prinzip:

Drei einfache Prinzipien für ein gelingendes Miteinander:

  1. K – Klarheit statt Kompromisse.
  2. W – Wohlwollen statt Wertung.
  3. N – Neugier statt Nörgelei.

Was machen wir?

Was brauchen wir?

Kompromisse

Klarheit

Ja, guuut….

Mein Bedürfnis ist…

Werten

Wohlwollen

Du bist falsch.

Wir sind verbunden, nur in der Sache unterschiedlicher Meinung. Ich gehe davon aus, dass du dein Bestmögliches tust. Und du nicht gegen mich, sondern für dich agierst.

Nörgeln

Neugier

Du machst das falsch und ärgerst mich.

Ich höre dir zu:
Welches Potenzial steckt in dem, wie du es machst?
Was können wir daraus lernen?

Foto Justitia: Tingey Injury Law Firm on Unsplash
Foto Schreibtisch: Designnn.co on Unsplash